Angststreifen – Indikator für Fahrkönnen oder Sicherheitsreserve?

Ducati Panigale 899 in Schräglage

Bei jedem Motorradtreff sieht man immer wieder welche die die Reifen der Bikes genauer unter die Lupe nehmen. Bei dem einen geht es darum sich im Vergleich selbst einzuschätzen, andere wollen sich damit nur selbst beweihräuchern…

Was genau kann man denn aber jetzt an einem Reifen erkennen?

Ducati Panigale 899 in Schräglage
Ducati Panigale 899 in Schräglage

Die benutzte Reifenfläche verliert ihren glanz und wird dunkel und matt. Daher kann man sehr gut erkennen welche Schräglage gefahren wurde. Ein Indikator für Fahrkönnen ist es auf jeden Fall, aber ist dabei auch Vorsicht geboten. Man muß differenzieren und kann nicht alle über einen Kamm scheren! 

Pilot Power 2CT gemessen
Pilot Power 2CT 160/60/17
hier im Vergleich am wenigsten Reifenfläche

Mit welcher Fahrtechnik ist der Fahrer unterwegs? Benutzt er „Drücken“ kommt er ganz schnell an die Kante, beim normalen „Legen“ (was wohl die meisten machen) geht es nicht mehr ganz so schnell. Benutz man aber ein „Hang Off“, dann ist es schon schwieriger an die Kante zu kommen da man die Gewichtsverlagerung ja benutzt um Schräglage zu vermeiden.

AngststreifenEs kommt auch drauf an welche Reifendimensionen verbaut sind und auch welcher Reifen (vor allem die Form – und damit mein ich nicht dass er rund sein soll ). Heute hat man ja gerne mal einen 190er Hinterreifen drauf. Auch wenn viele das jetzt nicht gern hören, aber den bekommst du leichter an die Kante als einen 160er!  Für die gleiche Kurvengeschwindigkeit ist bei einem schmäleren Reifen weniger Schräglage nötig. Also braucht man um den 160er Reifen an die Kante zu bekommen auch eine höhere Kurvengeschwindigkeit (um die selbe Schräglage zu erreichen) also automatisch dickere Eier… 

gemessene Reifenfläche beim S20 alt
Bridgestone S20 160/60/17 – ca. 2 Jahre alt
schon mehr Reifenfläche wie beim Pipo, aber trotzdem weniger als beim aktuellen S20!?

Je nach Reifenhersteller ist die Flanke des Reifens (bei den selben Dimensionen) auch weiter nach oben gezogen bzw. man hat halt einfach mehr Reifenlauffläche zur Verfügung (siehe Vergleichsbilder). Ich kenn jemanden der hat den einen Reifen ohne große Probleme an die Kante bekommen, nach dem Herstellerwechsel aber noch einen Angststreifen von nem halben Zentimeter auf beiden Seiten. Erstmal gegrübelt, dann die Reifenfläche gemessen und dann festgestellt das der neue Reifen einfach mehr Fläche hat… 

Motorrad mit Ausleger zum lernen bzw. üben um mehr Schräglage zu erreichen
Motorrad mit Ausleger zum lernen bzw. üben um mehr Schräglage zu erreichen

Es gehen viele Gerüchte rum, dass man nicht jeden Reifen an die Kante bekommt… Manche sagen auch man bekommt den Reifen nur an die Kante wenn man den Luftdruck absenkt um mehr Reifenauflagsfläche zu haben. Das kann ich leider nicht abschließend beantworten da ich nicht jeden Reifen gefahren bin und ich den Luftdruck sowieso etwas abgesenkt hab (nicht nur auf der Renne, auch auf der Landstraße). Es ist aber so dass man wirklich nicht jeden Reifen an die Kante bekommt!!!


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Ein Angststreifen ist gut da man sich eine Reserve sichert?

Ducati Panigale 899 in Schräglage
Ducati Panigale 899 in Schräglage

Viele sehen den Angststreifen als Notfallreserve an. „Auf der Landstraße gehört sowas ja sowieso nicht…“ oder  „Sowas macht man ja nur auf der Rennstrecke…“ Wie oft hört man das?

Meiner Meinung nach muss jeder selber wissen wie er wo fährt, solange man es verantworten kann. Glaub keiner is so blöd und fährt 300 in ner 30er Zone…  Außerdem bekommt man auch den Reifen an die Kante oder das Knie auf den Boden wenn man ganz brav nach StVo unterwegs ist! 

Eine Reserve ist der Angststreifen jedenfalls nicht!

gemessene Reifenfläche beim S20 aktuell
Bridgestone S20 160/60/17 aktuell
Hier hat man eindeutig mehr Reifenfläche zur Verfügung (im Vergleich zum PiPo 1,5 cm!!!

Hat man einen Angststreifen, hat man die maximal mögliche Schräglage noch nicht erreicht. Dies als Notfallsreserve zu sehen ist eine gute Ausrede von Leute die sich einfach nicht schräger trauen…  Wenn man große Schräglagen nicht gewohnt ist, dann schmiert man schon von der Straße ab, bevor man die maximale Schräglage erreicht hat.  Wie oft fährt jemand gerade aus in den Graben weil er von der steilen Kurve überrascht wird, obwohl  man nur die Schräglage erhöhen hätte müssen? Das mit der Reserve klappt also nicht, da der Kopf (meist) früher blockiert als man an die Grenzen der Maschine oder des Reifens kommt… 

Was passiert wenn  man es schafft die Schräglage in einer Notsituation zu erreichen, und auf den Angststreifen kommt?

Ducati Panigale 899 in Schräglage
Ducati Panigale 899 in Schräglage

Man schmiert ab, da der Reifen an der Stelle noch jungfräulich ist und keinen Grip entwickeln kann. Je nach breite des Angststreifens rutscht man auch nur kurz. Das reicht auch schon um einen „schräglagen-unerfahrenen-Fahrer“ einen Schrecken einzujagen, um dann doch abzuschmieren, weil man einen Fehler macht. Manche im Internet raten dazu den Angststreifen mit feinem Schmirgelpapier abzuschleifen / aufzurauen um im Notfall wirklich Grip zu haben. Kann vielleicht helfen, hat aber was von „ich schleif mir die Knieschleifer auch schon mal mit ner Feile an, dann seh ich cool aus beim nächsten Treffen“

Übrigens, die andere Sorte Angststreifen entfernst du in der Waschmaschine… 

1396341352320_wmEs ist also keine Reserve sondern nur ein Anzeichen um noch weiter das Motorrad-fahren zu lernen, wenn man im Normalfall möglichst sicher unterwegs sein will.  Je besser man fahren lernt und kann, desto sicherer ist man unterwegs und desto mehr Reserve hat man im Straßenverkehr.  „Kein Angststreifen“ ist also eher ein Zeichen für eine große Reserve – nach meiner Meinung zumindest!

Wenn man also einen Reifen sieht weiß man trotzdem nicht wie gut der Fahrer ist (man weiß ja nicht wie er an die Kante kam oder ob er einfach mehr oder weniger Reifenfläche zur Verfügung hat). Es sollte sich also keiner wegen so was verrückt machen lassen!!!


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6 Kommentare

  1. Sehr guter beschrieben. Unterschiede in der Technik gibt es auch noch in der breite der Felge zu finden ein 190er auf einer 5,5 oder auf einer 6,0 Felge macht auch schon wieder einen riesen Unterschied. Für alle denen der Angststreifen zu breit ist empfehle ich ein Schräglagen-oder Renntraining bevor auf der Straße zu viel riskiert wird.

  2. Cooler Beitrag, hat Spaß gemacht zu lesen. Mich hat es selbst an eine Situation erinnert, wo ich zum ersten mal etwas mehr Schräglage als sonst aufgebaut hab und auf einem bis dahin noch unbenutzen Stück des Reifens gefahren bin. Die Folge war ein kleiner Rutscher, naja ging alles gut. Nun meine Frage, jeder neue Reifen wird ja „eingefahren“ aber das Stück Gummi was bei sehr viel Schräglage beansprucht wird, wird ja irgendwann auch zum ersten mal beansprucht. Im Text stand, das wenn man mehr Schräglage als sonst fährt, weil man sich verschätzt hat oder ähnliches und der Reifen auf dieses Stück kommt, wahrscheinlich einen Rutscher hat. Aber warum passiert dies bei „erfahrenen“ Leuten nicht, da dort doch auch der Reifen, wenn er neu ist irgendwann an diesen Stellen zum ersten mal beansprucht wird?

    Ich hoffe es wird deutlich was ich meine.

  3. Danke erstmal!
    Das ist eine sehr gute Frage! Es kommt auch immer etwas auf den Reifen an und wie viel der unbenutzten Reifenfläche auf einmal benutzt wird. Erhöht man die Schräglage nur immer leicht, wie beim Einfahren des Reifens, merkt man meist gar nichts oder nur leicht. Kommt man in einer Notsituation auf viel unbenutzte Fläche kann dies aber einen größeren Rutscher bedeuten.
    Es kommt also drauf an wie man den Reifen einfährt oder eingefahren hat, bzw. wie viel „Angststreifen“ noch da ist.

    Profis haben beim Einfahren bis an die Kante auch ihre Rutscher, nur stört es sie nicht. Es ist wie beim Fahren über einen Bitumenstreifen oder einen kleinen Stein. Es versetzt einen kurz aber das wars auch schon. Es fühlt sich komisch an, aber ist nicht wirklich schlimm oder gefährlich. Gefährlich wird es nur wenn man erschrickt, dadurch nicht mehr locker fährt oder gar verkrampft und bremst. In der MotoGP wird sogar um die Kurve gedriftet, also ganz bewusst gerutscht!
    Solche kleinen Rutscher sind vielen einfach unangenehm und viele verlieren dadurch Vertrauen in sich, die Maschine und den Reifen. Sie denken genau hier war die Haftungsgrenze und ich bin gerade noch einem Sturz „entkommen“. Das muss aber nicht stimmen…

    Ein kleiner Tipp noch um den Reifen weiter Einfahren zu können ohne große Geschwindigkeit zu brauchen oder „große Schräglage“. Viele fahren auf einem Parkplatz oder Ähnlichem im Kreis und verwenden dazu die Fahrtechnik „Drücken“. Also Ähnlich dem Stil von MotoCross. Man drückt die Maschine unter sich in Schräglage und bleibt selbst so gut wie gerade. Durch diese Technik ist man bei langsamer Fahrt viel schräger und kommt dadurch weiter an die Kante. Es kommt einem dadurch auch nicht so schräg vor und der Angststreifen wird kleiner. Dies ist zwar ein Trugschluss, denn die Haftungsgrenze des Reifens hat nichts mit der Fahrtechnik zu tun, aber für den Kopf macht es viel aus. Man fühlt sich sicherer und traut sich schräger, bzw. bekommt durch die Aufrechte Haltung die Schräglage des Motorrads gar nicht so mit.

  4. Ja Conti fahre ich zurzeit, vobei ich auf den ersten Kilometern es trotzdem etwas langsam angehen lasse, sicher ist sicher! Ist irgendwie so ne Kopf sache.

    Und Danke für die Erklärung!

    Direkt noch mal eine Frage,

    wenn man auf der Rennstrecke neue Reifen fährt, fährt man ja meist nur 1-2 Runden etwas lockerer. Fährt sich dort der Reifen schneller ein wegen der hohen Temperatur?

    Also jetzt nicht unbedingt bei Slicks, ich denke jetzt zum Beispiel an Metzler Racetek RR der ja auch eine Straßenzulassung hat.

  5. Sorry, dass ich so spät antworte. Ich war das ganze Wochenende am Sachsenring bei der MotoGP 😉 Bericht folgt…

    Rennreifen haben eine andere Mischung und fahren sich wirklich schneller ein. Manche reden hier von einer lockeren Runde und dann Vollgas, andere sagen es geht gleich von Anfang an. Wichtig hier ist aber dass der Reifen mit Reifenwärmern vorgeheizt wurde!
    Manche reiben den Reifen auch vorher mit Bremsenreiniger ab.

    Der Metzeler Racetec RR ist eigentlich nur ein „pseudo“ Straßenreifen. Entwickelt wurde der nur für Straßenrennen, da hier teilweise Reifen mit Straßenzulassung gefahren werden müssen. Eigentlich ist es aber ein Rennreifen, nur mit Profil und eben der Straßenzulassung.
    Hier darf man den Reifen aber nicht mit dem Metzeler Sportek M7 RR verwechseln. Das ist ein echter Supersportreifen für die Straße.

    Ich denke der Racetrac lässt sich handhaben wie ein normaler Rennreifen. Selber bin ich ihn aber noch nicht gefahren. Ihn gibt es in 3 verschiedenen Mischungen. Vielleicht braucht man mit der härtesten ein kurzes Einfahren, aber das fällt definitiv kürzer aus als bei Straßenreifen.

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